© Stefan Klüter

Juri Andruchowytsch

Juri Andruchowytsch wurde 1960 in Iwano-Frankiwsk, Ukraine, geboren. Er studierte Journalismus in Lwiw und belegte am Maxim-Gorki-Institut in Moskau Kurse für Fortgeschrittene Literatur. Nach dem Wehrdienst in der Sowjetarmee gründete er 1985 gemeinsam mit Viktor Neborak und Oleksandr Irwanets die Performancegruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada), die insbesondere von 1988 bis 1992 nachhaltigen Einfluss auf die ukrainische Literaturszene nahm. Ihre Kritik am realen Sozialismus äußerten die Künstler performativ in satirischen, lautpoetischen und karnevalesken Gedicht-Experimenten. Nach der Veröffentlichung erster Gedichtbände übertrug Andruchowytsch das Vielschichtige und Grotesk-Karnevaleske in seine Romane Rekreatsiji (1992, Ü: Rekreation), Moscoviada (1993; dt. 2006) und Perverzija (1996, dt. Perversion, 2011), die ihn bekannt machten. Beweggrund für seinen Schreiben war die Situation seines Heimatlandes. Mit dem Beitritt Polens an die Außengrenze der EU gerückt, war die Ukraine in Westeuropa und den USA weitgehend eine Terra incognita. Diese damalige (Nicht-)Verortung der Ukraine in Europa reflektierte er in Das letzte Territorium (2003), einer Essaysammlung in Form einer „fiktiven Landeskunde“. Sein erster ins Deutsche übersetzte Roman, Dvanadcjat’ obrutschiv (2003; dt. Zwölf Ringe, 2005), zeigt das Chaos der postsozialistischen Übergangszeit und die Geburtswehen eines neuen Staates als bunten Reigen huzulischer Folklore, mafiöser Geschäftsleute, Künstler, skurriler Typen aus der Werbebranche und wechselnder Liebesbeziehungen. Sein zuletzt erschienenes Buch Der Preis unserer Freiheit (2023), ist eine Sammlung von Essays, die zwischen 2014 und 2023 entstanden sind. Eine Anklage an die EU – denn früh schon und eindringlich warnte Andruchowytsch vor den Großmachtsambitionen Russlands und bat darum, die Ukraine nicht aus dem Auge zu verlieren. Er ist Mitherausgeber der 2025 erschienenen „Ukrainischen Bibliothek“, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Erbe der ukrainischen Literatur dem deutschsprachigen Publikum zugängig zu machen.

Andruchowytsch wurde mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Sonderpreis des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2005 und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Völkerverständigung 2006. Acht Jahre später (2014) erhielt er zusammen mit Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa den Hannah-Arendt-Preis. 2016 wurde ihm die Goethe-Medaille verliehen. Außerdem erhielt er 2022 den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2026 den Stefan-Heym-Preis.

Zwölf Ringe
Frankfurt am Main, 2005
(Übersetzung: Sabine Stöhr)

Geheimnis
Frankfurt am Main, 2008
(Übersetzung: Sabine Stöhr)

Karpatenkarneval
Berlin, 2019
(Übersetzung: Sabine Stöhr)

Die Lieblinge der Justiz: Parahistorischer Roman
Berlin, 2020
(Übersetzung: Sabine Stöhr)

Radio Nacht
Berlin, 2022
(Übersetzung: Sabine Stöhr)

Der Preis unserer Freiheit
Berlin, 2023
(Übersetzung: Sabine Stöhr)