
Weltweite Lesungen
Weltweite Lesung für Narges Mohammadi und die politischen Gefangenen und in Erinnerung an jene, die im Iran getötet wurden – am 20. März 2026, Nowruz, Persisches Neujahr
Wir rufen Bibliotheken, Buchhandlungen, Universitäten, Schulen sowie kulturelle und zivilgesellschaftliche Institutionen weltweit dazu auf, sich an einer weltweiten Lesung zu beteiligen. Am 8. und 9. Januar 2026 verübten iranische Sicherheitskräfte ein landesweites Massaker an Bürgerinnen und Bürgern, die auf die Straße gegangen waren, um Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu fordern. Nach jüngsten Recherchen des Time Magazine wurden mehr als 30.000 Menschen getötet. Diese Zahlen gelten nicht nur für Menschenrechtsorganisationen als realistisch, sondern auch für die deutsche Bundesregierung und andere westliche Regierungen. Es ist zudem zu befürchten, dass die tatsächliche Zahl der Opfer noch höher liegt, da aus abgelegenen Regionen kaum Nachrichten nach außen dringen. Damit dürfte die Niederschlagung des Aufstands das blutigste Massaker an Demonstrierenden weltweit in einem so kurzen Zeitraum sein.
Auch die Repression über das Justizsystem hat sich verschärft. Der Iran gehört weiterhin zu den Ländern mit den weltweit höchsten Hinrichtungszahlen; im Jahr 2025 wurden mehr als 1.000 Hinrichtungen dokumentiert, und Berichte aus den ersten Monaten des Jahres 2026 deuten darauf hin, dass die Hinrichtungen weiterhin in hohem Tempo stattfinden, darunter auch Fälle im Zusammenhang mit den jüngsten Protesten. Seit der Gründung der Islamischen Republik im Jahr 1979 schätzen Menschenrechtsorganisationen, dass Zehntausende Menschen hingerichtet wurden, darunter Massenhinrichtungen politischer Gefangener, insbesondere im Jahr 1988. Die systematische Repression seit 1979 umfasst die weit verbreitete Inhaftierung politischer Gegner, Zensur, die Verfolgung von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Journalistinnen und Journalisten sowie Künstlerinnen und Künstlern, massive Einschränkungen der Rechte von Frauen und wiederholte gewaltsame Niederschlagungen von Protesten.
Unter den Inhaftierten befindet sich auch die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, Journalistin und Menschenrechtsverteidigerin, die über viele Jahre hinweg wiederholt verhaftet und verurteilt wurde. Im Februar 2026 wurde sie zu weiteren siebeneinhalb Jahren Haft wegen Verschwörung verurteilt. Nach Angaben ihres Anwalts beziehen sich sechs Jahre dieser Strafe auf den Vorwurf der „Versammlung und Absprache zur Begehung von Straftaten“. Das Urteil verlängert ihre Haft trotz ernsthafter gesundheitlicher Bedenken weiter.
Diese weltweite Lesung soll die internationale Öffentlichkeit auf die Situation der politischen Gefangenen im Iran, auf den systematischen Einsatz der Todesstrafe und auf die Opfer der Gewalt vom Januar 2026 aufmerksam machen.
Die Auswahl der Texte steht Ihnen frei. Unsere Vorschläge: Werke von Schriftstellern, die bei den sogenannten „Kettenmorden“ von 1998 ermordet wurden, darunter Mohammad Mokhtari und Mohammad Jafar Pouyandeh, sowie politische Schriften oder Briefe von Dariush und Parvaneh Forouhar. Als zentraler literarischer Text: Houshang Golshiri, Der König der Schwarzgewandeten (veröffentlicht unter dem Pseudonym Manouchehr Irani). Weitere Möglichkeiten sind Gedichte von Forugh Farrokhzad, Ahmad Shamlou oder Simin Behbahani sowie Briefe oder Stellungnahmen von Narges Mohammadi.
Optional kann eine Filmvorführung (mit anschließender Diskussion) stattfinden: Mohammad Rasoulof, „Doch das Böse gibt es nicht“ (über die Todesstrafe und individuelle Verantwortung) oder „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ (über Gewalt, Angst und Loyalität unter autoritärer Herrschaft).
Format: eine öffentliche Lesung an einem gemeinsamen Datum oder innerhalb eines festgelegten Zeitraums. Die Veranstaltung kann literarische Lesungen, eine kurze Darstellung der aktuellen Situation und eine Diskussion verbinden. Im Anschluss sind die Teilnehmenden eingeladen, Ort, Datum, Namen der Mitwirkenden sowie – wenn möglich – ein Foto oder einen kurzen Bericht zu teilen, um die weltweite Beteiligung zu dokumentieren.
Wenn Sie eine Lesung organisieren möchten, schreiben Sie uns bitte an: info@bebelplatz.org
Der Aufruf wird unterstützt von:
Martin Amanshauser (Österreich)
Yuri Andrukhovych (Ukraine)
Verena Auffermann (Deutschland)
Ayo Ayoola-Amale (Nigeria)
Uziel Awret (Israel)
Mariela Baeva (Bulgarien)
Yahia Belaskri (Algerien/ Frankreich)
Vanni Bianconi (Schweiz)
Petr Blazek (Tschechien)
Lilian Brøgger (Dänemark)
Rafael Cardoso (Deutschland/ Brasilien)
Amir Hassan Cheheltan (Iran)
Irene Dische (USA/ Deutschland)
José Manuel Fajardo (Spanien/ Portugal)
Catalin Dorian Florescu (Rumänien/ Schweiz)
Jan Geurt Gaarlandt (Niederlande)
Anders Heger (Norwegen)
Nazanine Hozar (Iran/ Kanada)
Lucina Kathmann (USA)
Navid Kermani (Deutschland)
Andrei Kurkov (Ukraine)
Laila Lalami (Marokko/ USA)
Liao Yiwu (China/ Deutschland)
Ulli Lust (Österreich/ Deutschland)
Chiara Macconi (Italien)
Bahiyyih Nakhjavani (Iran/ Uganda/ Frankreich)
David Van Reybrouck (Belgien)
Ramita Navai (Iran/ UK)
Philippe Sands (UK)
Radhika Santhanam-Martin (Australien)
Amir Or (Israel)
Preeta Samarasan (Malaysia/ USA)
Wolfgang Schiffer (Deutschland)
Eugene Schoulgin (Norwegen)
Daniela Sepehri (Deutschland/ Iran)
Wole Soyinka (Nigeria)
Gayatri Chakravorty Spivak (Indien/ USA)
Biljana Srbljanović (Serbien)
George Szirtes (Ungarn/ UK)
Janne Teller (Dänemark)
Ko Ko Thett (Myanmar/ Finnland)
Fariba Vafi (Deutschland/ Iran)
Haris Vlavianos (Griechenland)
Joseph Vogl (Deutschland)
Lyuba Yakimchuk (Ukraine)
Yan Lianke (China)
Yang Lian (China/ UK)
Lila Azam Zanganeh (Frankreich/ USA)
Juli Zeh (Deutschland)

Aufruf des internationalen literaturfestivals odesa zu einer weltweiten Lesung von Texten des inhaftierten algerischen Autors Boualem Sansal am 6. April 2025
Der algerische Autor Boualem Sansal wurde am 16. November 2024 bei seiner Rückkehr aus Frankreich am Flughafen von Algier festgenommen. Seitdem wurden weder offizielle Gründe für seine Verhaftung genannt noch Anklage gegen ihn erhoben. Die staatlich kontrollierten algerischen Medien verurteilten seine Haltung zu politischen und religiösen Entwicklungen in Algerien sowie seine Äußerungen zu geopolitischen Fragen, etwa zur Westgrenze des Landes zu Marokko und zum Westsahara-Konflikt.
Der 75-jährige Autor, der unter anderem 2011 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2015 mit dem Grand Prix du Roman de l’Académie Française und 2021 mit dem Prix Méditerranée für seinen Roman »Abraham ou La cinquième Alliance« (dt.: Abraham oder Die fünfte Allianz) ausgezeichnet wurde, könnte zu mehreren Jahren Haft verurteilt werden. Sein jüngster Roman »Vivre: Le compte à rebours« (2024; dt.: Leben: Der Countdown) erzählt Facetten der algerischen Geschichte vor dem Hintergrund einer globalen Dystopie. Sein Debüt gab Sansal mit »Le serment des barbares« (1999; dt.: Der Schwur der Barbaren), das von der lokalen Presse für seinen spielerischen Umgang mit der französischen Sprache gefeiert wurde.
Trotz seiner Entlassung aus dem Staatsdienst im Jahr 2003 und der darauf folgenden dauerhaften Überwachung lebte der Autor mit seiner Familie in Boumerdès nahe Algier. Er veröffentlichte ohne den Schutz eines Pseudonyms und griff wiederholt in aktuelle politische Debatten ein. Er blieb in Algerien, obwohl seine Bücher dort zeitweise verboten waren, obwohl er die algerische Regierung wiederholt kritisierte und vor den Gefahren des Islamismus warnte, und obwohl viele seiner Kolleginnen und Kollegen längst nach Europa emigriert waren.
Um die internationale Solidarität mit dem Autor und die Forderung nach seiner sofortigen Freilassung zu unterstreichen, rufen das Internationale Literaturfestival Odesa und die Unterzeichnenden zu einer weltweiten Lesung seiner Texte auf. Ziel ist es, Boualems Texte im öffentlichen Raum, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Parks sowie in Schulen, Universitäten und Theatern zu lesen. Die Teilnehmenden können die zu lesenden Texte frei wählen; empfohlen werden insbesondere Romane und Artikel, in denen Sansal in öffentliche Debatten eingreift.
Einzelpersonen und Institutionen, die sich an einer Lesung am 6. April 2025 beteiligen möchten, werden gebeten, uns bis spätestens 30. März folgende Informationen zuzusenden: Name des Veranstalters, Veranstaltungsort, Uhrzeit, beteiligte Leserinnen und Leser, Veranstaltungssprache sowie gegebenenfalls einen Link zur Website an.
Der Aufruf wird unterstützt von:
Anthony Appiah (USA)
Sigrid Bousset (Belgien)
Brian Castro (Australien)
Jennifer Clement (USA/ Mexiko)
John M. Coetzee (Südafrika/ Australien)
Hemant Divate (Indien)
Andrei Kurkov (Ukraine)
Anthony Appiah (USA)
Carmen Boullosa (Mexiko)
Stefan Hertmans (Belgien)
Judith Hermann (Deutschland)
Burghart Klaußner (Deutschland)
Jakub Maleki (Polen)
Marko Martin (Deutschland)
Paavo Matsin (Estland)
Francesca Melandri (Italien/ Deutschland)
Kallia Papadaki (Griechenland)
Nii Ayikwei Parkes (Ghana)
David Van Reybrouck (Belgien)
Janne Teller (Dänemark)
Jeroen Theunissen (Belgien)
Stephan Thome (Deutschland)
Ian Wedde (Neuseeland)
Anna Weidenholzer (Österreich)
Eliot Weinberger (USA)
Yang Lian (China/ UK)
Haris Vlavianos (Griechenland)
Zum 20. März 2006 wurden von der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e. V. anlässlich des dritten Jahrestages des Kriegsbeginns im Irak der „Jahrestag der Politischen Lüge“ und die „Weltweiten Lesungen“ (Worldwide Reading) initiiert. Dafür wurden weltweit Kulturinstitutionen und interessierte Personen in verschiedenen Städten zur Organisation von Lesungen aufgerufen. Seitdem finden die „Weltweiten Lesungen“ ein- bis zweimal jährlich statt und widmen sich international relevanten politischen Themen wie der Charta 2008 oder politisch engagierten Persönlichkeiten wie Edward Snowden, Anna Politkovskaya und Mahmoud Darwisch.
Die Veranstaltungen und Aktionen sollen dazu beitragen, ein waches Bewusstsein für Inhalte und Formen politischer Kommunikation zu entwickeln. Details zu vergangenen „Weltweiten Lesungen“ finden Sie auf der Website des ilb. Seit 2025 organisiert Bebelplatz e.V. die weltweiten Lesungen.